„Du musst …“ Wie oft hab ich diesen Satz schon gehört und mir selbst erzählt? Als Personalentwicklerin und Coach sehe ich das heute anders. Was ich definitiv nicht mehr muss und warum mein allererster Blogartikel erstaunlich gut dazu passt.
Einen Scheiß muss ich: Was ich als Personalentwicklerin und Coach definitiv nicht mehr muss
Ich mag diese Sätze heute nicht mehr hören, die erst mal so harmlos „ums Eck“ kommen:
„Das macht man eben so.“
„Da solltest du dich noch ein bisschen zurückhalten.“
„Als Führungskraft musst du …“
„Wenn du nebenberuflich selbstständig bist, musst du …“
„Als Coach solltest du unbedingt …“
Ich hab echt viele Jahre gebraucht, um zu merken, wie viel Kraft in so einem einzigen kleinen Wort steckt.
MUSS.
Ich muss funktionieren.
Ich muss erreichbar sein.
Ich muss Verständnis haben.
Ich muss mich anpassen.
Ich muss mich weiterbilden.
Ich muss sichtbar sein.
Ich muss mehr aus meinem Business machen.
Ich muss mich entscheiden, was ich denn nun eigentlich bin.
Personalentwicklerin oder Coach?
Und irgendwann kommt der Punkt, an dem ich denke:
Einen Scheiß muss ich.
Als ich Silkes Blogparade „Einen Scheiß muss ich, und was stattdessen bleibt“ gesehen hab, musste ich erst mal ziemlich grinsen.
Denn mein allererster Blogbeitrag überhaupt hieß tatsächlich:
„Einen Scheiß muss ich …“
Damals ging es allerdings um etwas ganz anderes.
Um die verflixte Technik hinter einem E-Mail-Tool.
Ich weiß noch, wie riesig mir dieser Berg damals vorkam. Ich wollte doch eigentlich nur ein E-Mail-Tool einrichten. Wie schwer konnte das bitte sein?
Tja.
Irgendwann saß ich vor irgendwelchen Einstellungen, Verknüpfungen und technischen Dingen, von denen ich vorher noch nie gehört hatte und wollte wahrscheinlich am liebsten alles zum Fenster rausschmeißen.
Heute muss ich darüber lächeln.
Und ganz bestimmt nicht, weil ich inzwischen zur Technik-Queen geworden bin und jedes Problem mal eben nebenbei löse. Ganz bestimmt nicht. Aber vieles, was mich damals völlig überfordert hat, gehört heute einfach dazu. Ich hab‘s ausprobiert, Fehler gemacht, geflucht und es irgendwann dann doch hinbekommen.
„Mit Geduld und Spucke, fängt man eine Mucke“, hat meine Oma immer gesagt.
Was mir damals wie ein riesiger Berg vorkam, ist heute eher so’n Minihügel, bei dem ich denke:
„Ach ja, darüber haste dich damals so aufgeregt.“
Und irgendwie passt genau das ziemlich gut zu Silkes Blogparade.
Denn manche Dinge, die uns heute den letzten Nerv rauben, sind ein paar Jahre später nur noch Geschichten, über die wir schmunzeln. Bei anderen merken wir irgendwann: Den Berg muss ich gar nicht erst hoch.
Und genau um diese „Muss ich‘s“ geht es diesmal.
Wenn ich heute auf meine Arbeit als Personalentwicklerin, mein Coaching für Frauen und auch auf mich selbst schaue, gibt es einiges, von dem ich mich inzwischen verabschiedet habe.
Ich kann nur unterstützen, wenn jemand wirklich etwas verändern will
Niemand „lässt sich entwickeln“ und ich will das auch gar nicht.
Was ich kann: Eine Frau unterstützen, die selbst spürt, dass sie etwas verändern möchte. Die vielleicht noch nicht genau weiß, wie sie es angehen soll, aber merkt:
So wie bisher möchte ich in meinem Job nicht weitermachen.
Genau da kann ich helfen.
Ich kann ihr zuhören und nachfragen, einen anderen Blick auf die Situation werfen und manchmal auch eine Frage stellen, bei der meine Kundin erst mal schluckt und sagt:
„Puh. Darüber muss ich jetzt nachdenken.“
Aber der Wunsch, etwas zu verändern, muss von ihr selbst kommen.
Wenn jemand im Gespräch sitzt, mit verschränkten Armen und dem Gesichtsausdruck eines Menschen, dem gerade mitgeteilt wurde, dass der Kaffeeautomat abgeschafft wird, dann denke ich heute anders darüber.
Erwachsene Menschen dürfen Nein sagen, auch zur eigenen Weiterentwicklung.
Ich kann niemanden überreden, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Und ich muss auch niemandem erklären, dass sie dringend ein Coaching braucht.
Wenn eine Frau zu mir kommt, möchte ich, dass sie innerlich spürt:
„Ich will etwas verändern und ich glaube, mit Brigittes Hilfe komme ich weiter, als wenn ich mich noch drei Monate alleine im Kreis drehe.“
Dann können wir miteinander arbeiten.
Vielleicht findet sie am Ende eine Lösung, an die sie vorher noch gar nicht gedacht hat. Oder sie trifft endlich eine Entscheidung, die schon lange in ihr rumort. Oder sie sagt ganz bewusst: „Wenn ich diese Kleinigkeit verändere, dann passt es wieder.“
Auch das darf ein Ergebnis sein, denn es ist ihr persönlicher Weg.
Ich geh ein Stück mit. Aber laufen muss sie selbst.
Ich muss nicht für die Motivation anderer zuständig sein.
„Wie motivieren wir unsere Mitarbeitenden?“
Diese Frage taucht auch bei mir als Personalerin sehr gerne auf.
Am liebsten hätte man dann wahrscheinlich einen Knopf, auf den man nur drücken muss. Push, und alle schreien Hurra: „Motivation!“
Schön wär’s.
Menschen sind aber keine Kaffeemaschinen, bei denen man oben eine Kapsel einwirft und unten kommt das gewünschte Ergebnis raus.
Motivation hat mit verdammt vielen Dingen zu tun.
Mit Führung, mit Sinn in der Arbeit, mit dem Arbeitsumfeld und den Aufgaben.
Aber auch mit Wertschätzung und mit dem Gefühl, ernst genommen zu werden.
Und manchmal auch schlicht und einfach damit, dass jemand einen schlechten Tag hat.
Ich muss nicht jeden motivieren.
Und Führungskräfte müssen das übrigens auch nicht.
Was wir tun können, ist Bedingungen zu schaffen, unter denen Menschen wieder gerne arbeiten. Wir können zuhören, nachfragen und Hindernisse aus dem Weg räumen.
Wir können Verantwortung abgeben, den Mitarbeitenden etwas zutrauen und vor allem akzeptieren, dass ein erwachsener Mensch trotzdem seine eigene Entscheidung trifft.
Ich muss auch nicht mehr für jedes Problem sofort eine Lösung haben
Das war für mich lange echt schwer.
Wenn jemand zu mir kommt und sein Problem schildert, springt in meinem Kopf ziemlich schnell etwas an.
„Da könnte man doch …“
„Hast du schon …“
„Vielleicht wäre …“
Ich denke in Lösungen und mag es, Dinge direkt anzupacken.
Nur braucht mein Gegenüber nicht immer sofort meine Lösung, sondern manchmal einfach nur eine Kollegin, die erst mal zuhört.
Manchmal muss eine Führungskraft den eigenen Gedanken selbst zu Ende denken.
Und manchmal sitzt im Coaching eine Frau vor mir, die ihre Antwort längst kennt. Sie traut sich nur noch nicht, laut darüber nachzudenken und sie auch auszusprechen.
Wenn die Kundin ihre Antwort eigentlich schon kennt
Ich hatte eine Kundin im Coaching, nennen wir sie Maja, die mit ihrer beruflichen Situation unzufrieden war.
Eigentlich war ihr Job gar nicht so schlecht. Die Kollegen waren wirklich nett, das Gehalt passte und auch sonst gab es keinen triftigen Grund zu sagen:
„Ich muss hier unbedingt weg.“
Und trotzdem hatte Maja dieses komische Gefühl, dass etwas nicht mehr richtig passte.
Wir haben darüber gesprochen, was sie an ihrem Job stört, was ihr fehlt und was sie sich stattdessen wünscht.
Und klar, ich hätte ihr dann erzählen können, was sie meiner Meinung nach tun sollte.
Hab ich aber nicht.
Denn je länger wir gesprochen haben, desto mehr hatte ich das Gefühl: Sie weiß es längst.
Also hab ich weiter nachgefragt und sie denken und reden lassen.
Und dann kam irgendwann dieser eine Satz:
„Eigentlich weiß ich schon länger, dass ich was anderes machen möchte. Bisher habe ich immer nur gemacht, was von mir erwartet wurde.“
Da war er.
Nicht meine Lösung, sondern ihre eigene.
Und genau solche Momente mag ich an meiner Arbeit.
Ich muss meiner Kundin nicht sagen, welchen Weg sie gehen soll. Ich kann ihr helfen, das ganze Gedankenknäuel im Kopf auseinanderzuwirren, bis sie selbst wieder sieht, was für sie passt.
Denn am Ende muss nicht ich mit ihrer Entscheidung leben, sondern sie.
Ich muss Frauen nicht sagen, wie sie ihr Leben leben sollen
Frauen bekommen von allen Seiten gesagt, was sie tun sollten. Im Job sollen sie selbstbewusster auftreten, sich besser verkaufen und endlich den nächsten Karriereschritt machen.
Gleichzeitig sollen sie aber bloß nicht zu fordernd rüberkommen, an die eigene Familie denken und am besten alles locker unter einen Hut bekommen.
Ganz schön viele Erwartungen für ein einziges Frauenleben, oder?
Und dann komme ich als Coach um die Ecke und erzähle meiner Kundin auch noch, was für sie das Richtige ist?
Nee, genau das mache ich nicht!
Ich weiß schließlich nicht besser als meine Kundin, welcher Weg zu ihr und ihrem Leben passt. Auch wenn ich manchmal ziemlich schnell eine Idee im Kopf hab, was sie tun könnte. Die behalte ich dann auch erst mal für mich und frage nach.
Denn oft höre ich im Coaching Sätze wie:
„Eigentlich würde ich ja gern …“
Und kaum ist der Satz ausgesprochen, kommt hinterher:
„Aber das geht ja nicht, weil …“
Dann werde ich hellhörig und wir schauen uns gemeinsam an, was hinter diesem „aber“ steckt.
Ist das wirklich ein Grund, der gegen ihren Wunsch spricht? Oder ist es vielleicht eine Erwartung, die sie schon so lange mit sich rumschleppt, dass sie gar nicht mehr weiß, woher sie eigentlich kommt?
Ich möchte meiner Kundin nicht meine Lösung überstülpen. Ich möchte sie dabei unterstützen, ihre eigene Lösung zu finden und sich dann auch zu trauen, ihrer eigenen Intuition zu vertrauen.
Das kann bedeuten, den Job zu wechseln. Es kann genauso gut heißen, zu bleiben und dort etwas zu verändern. Vielleicht möchte sie weniger arbeiten, mehr Verantwortung übernehmen oder beruflich nochmal ganz neu anfangen.
Welche Entscheidung am Ende rauskommt, muss nicht die sein, die ich getroffen hätte.
Sie muss zu meiner Kundin passen.
Denn sie ist diejenige, die am Montagmorgen mit dieser Entscheidung aufsteht und damit lebt. Nicht ich.
Ich muss nicht aus jeder Frau eine Karrierefrau machen
Wenn eine Frau beruflich etwas verändern möchte, heißt das für mich nicht automatisch: höher, schneller, weiter und mehr.
Nicht jede Frau möchte die nächste Stufe auf der Karriereleiter nehmen. Nicht jede möchte Führungskraft werden, ein größeres Team leiten oder noch mehr Verantwortung übernehmen.
Und nur weil sie das Zeug dazu hätte, muss sie es noch lange nicht wollen.
Vielleicht möchte sie ihren Job weiterhin gut machen, aber endlich pünktlich Feierabend haben. Oder sie möchte ihre Stunden reduzieren, weil ihr neben der Arbeit auch noch andere Dinge wichtig sind. Oder sie merkt nach vielen Jahren:
„Ich hab das lange gern gemacht, aber jetzt reicht’s mir.“
Auch das ist berufliche Entwicklung.
Ich hatte selbst schon Gespräche mit Frauen, bei denen von außen alles ziemlich gut ausgesehen hat. Sicherer Job, gutes Gehalt, Anerkennung und die Aussicht auf den nächsten Schritt.
Eigentlich müsste sie doch ganz zufrieden sein.
Nur lässt sich dieses „eigentlich“ nicht so leicht austricksen.
Wenn eine Kundin zu mir sagt, dass sie gar nicht mehr Verantwortung möchte, werde ich ihr nicht einreden, sie müsse nur mutiger sein.
Vielleicht ist es für sie sogar viel mutiger, eine Führungsposition abzulehnen, obwohl alle um sie herum sagen:
„So eine Chance kannst du doch nicht ausschlagen.“
Ich möchte mit ihr rausfinden, was sie will.
Vielleicht ist das tatsächlich der nächste Karriereschritt, oder sie möchte lieber auf 80 % gehen und mittwochs um 14 Uhr den Rechner zuklappen. Dann hat sie endlich wieder Zeit für Sport oder sitzt um 15 Uhr mit einem Kaffee auf der Terrasse und liest ein Buch, ohne dabei aufs Handy zu schauen.
Ist das weniger ehrgeizig? Ich finde definitiv nicht.
Vielleicht hat sie einfach aufgehört, Erfolg mit dem Lebensentwurf anderer Menschen zu verwechseln.
Eine andere Frau möchte lieber fachlich arbeiten, statt Menschen zu führen. Und wieder eine andere fängt beruflich noch mal ganz neu an, obwohl ihr Umfeld erst mal die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.
Für mich gibt es da kein „Das solltest du aber“.
Eine Frau muss nicht möglichst weit oben auf der Karriereleiter stehen, damit ich ihre berufliche Entwicklung als Erfolg sehe.
Viel schöner finde ich, wenn sie irgendwann sagen kann:
„So wie es jetzt ist, passt es zu mir, ich bin glücklicher.“
Und wenn das ein freier Mittwochnachmittag statt der nächsten Führungsposition ist, dann ist das genauso richtig.
Ich muss aus meinem nebenberuflichen Coaching kein großes Business machen
Ich bin Personalentwicklerin und arbeite nebenberuflich als Coach für Frauen. Und ja, manchmal hab ich das Gefühl, allein das Wort „nebenberuflich“ löst schon die ersten gut gemeinten Ratschläge aus.
Wenn ich mit meinem Coaching erfolgreich sein möchte, müsste ich doch irgendwann mehr daraus machen. Mehr Kundinnen gewinnen, mehr Umsatz machen, ständig sichtbar sein und am besten schon mal darüber nachdenken, wie ich das Ganze größer aufziehe.
Aber warum eigentlich?
Ich mag meinen Beruf als Personalentwicklerin. Gleichzeitig mag ich die Arbeit mit meinen Kundinnen im Coaching. Für mich muss das eine das andere nicht ersetzen.
Natürlich möchte ich mit meinem Coaching Frauen erreichen, Kundinnen gewinnen und damit auch Geld verdienen. Schließlich betreibe ich mein Coaching nicht nur, damit ich nach Feierabend noch ein weiteres Hobby hab.
Aber ich muss daraus kein Business machen, das immer weiter wachsen soll.
Ich möchte selbst entscheiden, wie viel Platz mein Coaching in meinem Leben bekommt. Und dieser Platz darf sich auch verändern. Vielleicht möchte ich irgendwann mal mehr Zeit dafür haben. Oder es passt auch weiterhin gut, beides miteinander zu verbinden.
Was ich nicht mehr möchte, ist mir einzureden, dass mein Coaching nur dann erfolgreich ist, wenn daraus irgendwann mein Hauptberuf wird.
Für mich sieht Erfolg anders aus.
Wenn eine Kundin nach unserem Coaching eine Entscheidung trifft, die sie schon ewig vor sich herschiebt, wenn sie sich endlich traut, im Job für sich einzustehen oder nach unserem Gespräch sagt:
„Jetzt weiß ich, was ich als Nächstes tun will“, dann weiß ich wieder ziemlich genau, warum ich diese Arbeit so liebe.
Und wenn ich danach am nächsten Morgen wieder als Personalentwicklerin an meinem Schreibtisch sitze und unsere Azubis, Studenten und Mitarbeitenden dabei unterstütze, sich weiterzuentwickeln, dann ist das für mich persönlich kein Widerspruch.
Das ist im Moment genau MEIN Weg, zu dem ich stehe.
Ich muss nicht überall sichtbar sein
Wenn man sich nebenberuflich selbstständig macht, dauert es nicht lange, bis man das Gefühl bekommt, überall auftauchen zu müssen.
Auf Instagram sollte ich regelmäßig posten, LinkedIn wäre für meine Zielgruppe bestimmt auch gut und einen Newsletter sollte ich natürlich ebenfalls schreiben. Ach ja, und bloggen will ich ja auch noch.
Ganz schön viel für ein Business, das neben meinem Hauptjob stattfindet.
Und Social Media ist da der beste Trigger dafür. Das ist dir vielleicht auch schon mal aufgefallen.
Natürlich möchte ich sichtbar sein. Wie sollen Frauen sonst erfahren, dass es mich und mein Coaching gibt?
Und ich freu mich, wenn eine Frau über einen Blogartikel oder einen Beitrag auf mich aufmerksam wird und denkt:
„Die versteht, was mich gerade beschäftigt.“
Aber dafür muss ich nicht auf jeder Plattform tanzen.
Ich hab für mich gemerkt, dass mir Schreiben liegt. Hier kann ich meine Gedanken so ausdrücken, wie sie mir durch den Kopf gehen. Ich kann Geschichten erzählen, von meinen Erfahrungen berichten und Themen auch mal von einer anderen Seite betrachten, über die man nicht in drei Sätzen hinwegwischt.
Deshalb schreibe ich meinen Blog. Und deshalb gibt es meinen Newsletter.
Was ich dagegen nicht möchte: ständig überlegen, was ich heute noch posten müsste, nur damit irgendein Algorithmus merkt, dass ich noch da bin.
Ich möchte auch nicht aus jedem Gedanken, jedem Kaffee und jedem Erlebnis sofort einen Beitrag machen.
Wenn ich mal ein paar Tage nichts veröffentliche, bin ich nicht plötzlich vom Erdboden verschwunden. Mein Coaching gibt es trotzdem noch.
Mir ist es lieber, eine Frau liest einen meiner Texte und fühlt sich wirklich angesprochen, als dass ich jeden Tag irgendwas veröffentliche, nur um sichtbar gewesen zu sein.
Ich möchte dort sichtbar sein, wo es für mich passt und wo ich mich auch gern zeige.
Denn mein nebenberufliches Coaching soll mir Freude machen. Wenn ich irgendwann mehr Zeit damit verbringe, Inhalte für fünf verschiedene Kanäle zu produzieren, als mit meinen Kundinnen zu arbeiten, läuft für mich was schief.
Ich muss kein perfekter weiblicher Coach sein
Nur weil ich Coach bin (ich mag die Verweiblichung dieses Wortes zu „Coachin“ echt nicht), hab ich nicht für jede Situation in meinem eigenen Leben sofort die passende Lösung parat.
Ich zweifle manchmal, ärgere mich über Dinge, schiebe Entscheidungen vor mir her und drehe auch mal eine Extrarunde im Gedankenkarussell.
Und ja, manchmal weiß ich sogar ganz genau, was ich einer Kundin in derselben Situation sagen würde. Nur heißt das noch lange nicht, dass ich meinen eigenen Rat immer sofort umsetze.
Ich bin eben nicht nur Coach, sondern auch ein Mensch mit meinen eigenen Themen.
Früher dachte ich eher, ich müsste als Coach mit gutem Beispiel vorangehen. Schließlich begleite ich Frauen dabei, berufliche Entscheidungen zu treffen, für sich einzustehen und etwas zu verändern.
Da sollte ich mein eigenes Leben doch bitte schön selbst im Griff haben.
Nenn es Altersweisheit, aber heute sehe ich das anders.
Ich muss meiner Kundin nicht vorspielen, dass bei mir immer alles rund läuft. Im Gegenteil, ich glaube, meine eigenen Erfahrungen helfen mir dabei, manche Situationen meiner Kundinnen besser zu verstehen.
Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Kopf längst eine Entscheidung getroffen hat und der Rest von einem noch nicht hinterherkommt. Ich kenne dieses ewige Abwägen, die Zweifel und die Frage:
„Soll ich wirklich oder lass ich es doch lieber?“
Dafür kenne ich heute als Coach die entsprechenden Tools, die ich auch gerne bei mir selbst anwende und so schneller vorwärtskomme.
Im Coaching steht meine Kundin mit ihrem Thema immer im Mittelpunkt.
Aber ich muss dafür nicht der Coach sein, der auf alles eine Antwort hat und selbst immer genau weiß, wo es langgeht.
Viel wichtiger ist mir, meiner Kundin wirklich zuzuhören, die richtigen Fragen zu stellen und auch mal auszuhalten, wenn die Antwort nicht nach fünf Minuten auf dem Tisch liegt.
Denn genau das erlebe ich ja selbst immer wieder: Manche Entscheidungen brauchen einfach ein bisschen länger.
Und manchmal hilft es schon ausgezeichnet, wenn da jemand sitzt, der nicht sofort sagt: „Ich weiß, was du jetzt tun solltest.“
Ich muss nicht immer stark sein, nur weil andere mich so sehen
Ich gehöre ja eher zu den Frauen, bei denen andere denken:
„Die kriegt das schon hin.“
Und meistens stimmt das ja auch. Ich organisiere, suche nach einer Lösung und wenn irgendwo etwas schiefläuft, überlege ich erst mal, wie ich es wieder hinbekomme.
Nur bedeutet das nicht, dass mir immer alles leichtfällt.
Auch ich hab Tage, an denen mir etwas zu viel wird, an denen ich zweifle oder mir wünsche, dass sich einfach mal jemand anderes kümmert.
Trotzdem fällt es mir nicht immer leicht, das zu zeigen. Wenn man lange diejenige war, die vieles schafft und irgendwie eine Lösung findet, wird genau das irgendwann auch von einem erwartet.
Das erlebe ich auch bei Frauen in meinen Coachings. Nach außen läuft ihr Leben eigentlich ganz gut. Sie machen ihren Job, kümmern sich um vieles und sind oft die Person, auf die sich andere verlassen.
Von außen gibt es deshalb vielleicht gar keinen echten Grund, etwas zu ändern.
Nur fühlt es sich für die Frau selbst längst anders an.
Vielleicht merkt sie, dass sie ständig über ihre eigenen Grenzen geht. Vielleicht ist sie es auch leid, immer die Vernünftige zu sein. Oder sie stellt irgendwann fest, dass sie zwar alles hinbekommt, aber dabei ihre eigenen Wünsche schon ziemlich lange hinten anstellt.
Und dafür muss definitiv nicht erst alles zusammenbrechen.
Eine Frau darf auch mal sagen: „Ich will das so nicht mehr“, obwohl sie theoretisch noch weitermachen könnte.
Sie darf um Hilfe bitten, obwohl sie es vermutlich auch allein schaffen würde. Und sie darf eine Aufgabe abgeben, ohne vorher beweisen zu müssen, dass sie wirklich nicht mehr kann.
Das gilt übrigens auch für mich.
Ich muss nicht immer die Starke sein, nur weil andere mich so erleben. Ich darf sagen, wenn mir etwas zu viel ist, Unterstützung annehmen und auch mal etwas liegen lassen.
Denn nur weil ich etwas schaffen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch immer schaffen muss.
Auch ich durfte das erst schmerzhaft lernen.
Ich muss mich nicht zwischen Personalentwicklung und Coaching entscheiden
Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, fällt meine Antwort meistens ein bisschen länger aus.
Ich bin Personalentwicklerin und nebenberuflich arbeite ich als Coach für Frauen.
Lange hatte ich das Gefühl, ich müsste mich irgendwann für eine Seite entscheiden. Entweder bleibe ich angestellt oder ich mache mich ganz selbstständig.
Als wäre mein Coaching nur eine Zwischenlösung und das eigentliche Ziel müsste sein, irgendwann meinen Hauptjob an den Nagel zu hängen.
Aber warum sollte ich?
Ich arbeite gerne als Personalentwicklerin. Dort beschäftige ich mich jeden Tag mit Menschen, ihren beruflichen Themen und ihrer Entwicklung.
Ich erlebe, was Mitarbeitende beschäftigt, wo Führung gut funktioniert und wo es ordentlich hakt. Und ich sehe, wie unterschiedlich Menschen mit Veränderungen umgehen.
Viele dieser Erfahrungen nehme ich ganz automatisch mit in mein Coaching.
Dort geht es dann nicht um eine ganze Abteilung oder darum, was ein Unternehmen braucht. Mir sitzt eine einzelne Frau gegenüber, die gerade an einem Punkt in ihrem Berufsleben steht, an dem sie nicht so recht weiter weiß.
Vielleicht fragt sie sich, ob sie ihren Job noch machen möchte, ob sie sich eine Führungsrolle zutraut oder warum sie seit Monaten unzufrieden ist, obwohl auf dem Papier doch alles passt.
Diese Gespräche mag ich, weil ich mir Zeit für genau diese eine Frau und ihr Thema nehmen kann.
Und andersrum nehme ich auch aus meinen Coachings einiges mit in meine Arbeit als Personalentwicklerin.
Ich höre genauer hin, stelle vielleicht eine Frage mehr und weiß, dass hinter einem scheinbar einfachen beruflichen Problem oft noch ganz andere Gedanken stecken.
Für mich passen diese beiden Seiten deshalb ziemlich gut zusammen.
Ich muss mich nicht für eine davon entscheiden, nur damit mein beruflicher Weg schön gerade aussieht oder ich auf die Frage „Was machst du?“ mit einem einzigen Satz antworten kann.
Im Moment möchte ich beides.
Ich möchte weiterhin als Personalentwicklerin arbeiten und gleichzeitig Frauen in meinem Coaching begleiten.
Und solange sich das für mich richtig anfühlt, darf das genauso bleiben.
Was bleibt, wenn ich weniger muss?
Je länger ich über Silkes Blogparade nachdenke, desto mehr merke ich, dass ich gar nicht weniger machen möchte.
Ich möchte nur öfter selbst entscheiden, warum ich etwas mache.
Ich möchte weiterhin als Personalentwicklerin arbeiten und Menschen begleiten. Ich möchte Frauen coachen, meinen Blog schreiben, meinen Newsletter verschicken und mein kleines Business weiter aufbauen.
Ich möchte Neues ausprobieren, mich weiterentwickeln und bestimmt auch noch die eine oder andere Entscheidung treffen, bei der ich hinterher denke:
„Na, das hätte ich mir jetzt auch sparen können.“
Gehört wohl auch zum Leben dazu.
Was ich weniger möchte, ist dieses ständige Gefühl, etwas tun zu müssen, nur weil „man“ das eben so macht.
Vielleicht ist genau das für mich der Unterschied, den ich heute viel stärker spüre als früher.
Will ich das wirklich?
Passt es zu meinem Leben?
Ist es mir meine Lebenszeit wert?
Oder steht es nur noch auf meiner inneren „Das macht man eben so“-Liste?
Denn meine Lebenszeit ist mir inzwischen zu schade für Dinge, die ich nur mache, weil irgendjemand irgendwann beschlossen hat, dass man sie eben so macht.
Und wahrscheinlich hat das auch ein bisschen mit dem Älterwerden zu tun. Ich weiß heute besser, was mir wichtig ist. Ich weiß aber auch besser, worauf ich keine Lust mehr hab.
Meine innere „Muss ich noch“-Liste ist deshalb etwas kürzer geworden.
Die „Will ich wirklich“-Liste dagegen wird bleiben.
Und wenn ich dabei irgendwann wieder vor einem Berg stehe, der mir riesig vorkommt, denke ich vielleicht an mein erstes E-Mail-Tool.
Manche Berge werden irgendwann ziemlich klein und bei manchen merkt man zum Glück rechtzeitig: Einen Scheiß muss ich …
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Fotos: Sabine Kristan









