Gastbeitrag von Anja Krüger zur Blogparade von Brigitte Kleinhenz

 

Wenn ich heute auf mein Berufsleben zurückblicke, sehe ich keinen geraden Weg. Ich sehe Entscheidungen, die vernünftig wirkten, obwohl sie nicht meine eigenen waren. Ich sehe Unternehmen, die gewachsen sind, und Lebensphasen, in denen fast nichts mehr sicher war. Vor allem sehe ich mehrere Neuanfänge.

 

Früher hätte ich mir gewünscht, dass mir jemand sagt: Ein Umweg ist kein Gegenbeweis für deine Fähigkeiten. Ein Bruch macht deine Erfahrung nicht wertlos. Und ein Neustart hat kein Ablaufdatum.

 

Früher glaubte ich, ein guter Berufsweg müsse gerade sein

 

Ich wollte studieren. Meine Eltern fanden, ich solle lieber schnell auf eigenen Beinen stehen und Geld verdienen. Also machte ich eine Ausbildung zur Speditionskauffrau. Das war solide und vernünftig, aber nicht mein Traum.

 

Ich war gut in meinem Beruf. Mit 22 leitete ich bereits die Importabteilung einer großen Spedition in Hannover. Von außen sah das nach einem gelungenen Start aus. Innerlich wusste ich trotzdem, dass ich nicht dauerhaft für andere arbeiten wollte. Ich wollte Verantwortung nicht nur übernehmen, sondern selbst entscheiden, was ich aufbaue.

 

Mit 23 gründete ich mein erstes Unternehmen. Später kamen weitere Firmen hinzu. Ich lernte, zu verkaufen, Mitarbeitende zu führen, Risiken einzuschätzen und auch dann Entscheidungen zu treffen, wenn niemand eine Garantie geben konnte.

 

Heute weiß ich: Die Ausbildung war kein verlorener Abschnitt. Sie war auch nicht der Beweis, dass ich meinen eigenen Wunsch aufgegeben hatte. Sie gab mir Wissen, Disziplin und Einblicke, die mir später als Unternehmerin halfen. Ein Weg kann anders beginnen, als wir es geplant haben, und uns trotzdem etwas Wertvolles mitgeben.

 

Erfolg schützt nicht vor Brüchen

 

Lange dachte ich, Erfahrung müsse irgendwann vor großen Fehlern schützen. Wenn man nur genug gelernt, gearbeitet und aufgebaut hat, müsste man doch an einen Punkt kommen, an dem das Fundament hält.

 

So funktioniert das Leben nicht.

 

Ich habe Unternehmen aufgebaut, verkauft und wieder neu angefangen. Ich habe Verantwortung für meine Familie und meine Firmen getragen. Nach dem Tod meines Mannes stand ich schwanger mit meiner Tochter und mit zwei Söhnen vor einem Leben, das von einem Tag auf den anderen anders aussah. Auch danach ging es weiter. Ich gründete neu und baute wieder auf.

 

Später traf ich aus Vertrauen eine Entscheidung, die mich sehr teuer zu stehen kam. Ich verlor mein Unternehmen, mein Zuhause und zeitweise auch meine Gesundheit. Das war keine inspirierende Wendung, die sich im Moment schon nach einer späteren Erfolgsgeschichte anfühlte. Es war eine harte Zeit, in der ich oft nicht wusste, wie mein Leben weitergehen sollte.

 

Was ich meinem jüngeren Ich heute sagen würde: Du musst einen Bruch nicht schönreden, damit du daran wachsen darfst. Du darfst traurig, erschöpft oder orientierungslos sein. Aber du bist nicht plötzlich unerfahren, nur weil etwas nicht funktioniert hat. Alles, was du bis dahin gelernt hast, bleibt in dir.

 

Mein Neustart mit 53

 

2018 begann ich noch einmal von vorn. Ich war 53 und baute mir ein Online-Business auf. Ein Jahr später zog ich mit zwei meiner Kinder nach Zypern.

 

Dieser Neustart war anders als meine früheren Gründungen. Ich wollte nicht mehr beweisen, wie viel ich aushalten kann. Ich wollte ein Unternehmen, das zu meinem Leben passt. Ich wollte meine Erfahrung nutzen, ohne mich jeden Tag auf einer Social-Media-Bühne inszenieren zu müssen. Und ich wollte Frauen zeigen, dass Wissen und Lebensleistung eine wirtschaftliche Grundlage sein können.

 

Mit 53 hatte ich weniger Lust auf Umwege, aber deutlich mehr Klarheit. Ich wusste besser, welche Arbeit ich leisten wollte, mit wem ich arbeiten wollte und was ich nicht mehr bereit war, für Erfolg zu opfern.

 

Das Alter war dabei kein Nachteil. Es war ein Filter.

 

Was ich heute anders mache

Ich definiere Erfolg nicht mehr nur über Wachstum

 

Früher bedeutete Erfolg für mich vor allem: größer werden, mehr schaffen, mehr Verantwortung tragen. Heute frage ich zusätzlich: Wie fühlt sich der Weg dorthin an? Passt das Unternehmen zu meinem Leben? Bleibt Raum für Gesundheit, Familie und eigene Entscheidungen?

 

Wachstum ist nicht falsch. Aber es ist nicht automatisch ein Gewinn, wenn wir uns selbst dabei verlieren.

 

Ich verwechsle Verantwortung nicht mehr mit Selbstaufgabe

 

Verantwortung gehört zum Unternehmertum. Doch nicht jedes Problem muss allein gelöst werden. Nicht jede Belastung ist ein Beweis für Stärke. Und Vertrauen braucht klare Grenzen.

 

Ich arbeite heute mit einem kleinen Team und achte bewusster darauf, welche Aufgaben wirklich bei mir liegen. Das ist keine Schwäche, sondern gute Führung.

 

Ich glaube nicht mehr, dass Sichtbarkeit laut sein muss

 

Viele Frauen mit großer Erfahrung halten sich zurück, weil sie Sichtbarkeit mit Selbstdarstellung verwechseln. Sie wollen nicht täglich posten, tanzen oder ihr Privatleben teilen. Also bleiben sie lieber ganz im Hintergrund.

 

Für mich bedeutet Sichtbarkeit heute etwas anderes: Menschen müssen verstehen können, wofür ich stehe, welches Problem ich lösen kann und wie sie mit mir arbeiten können. Das darf ruhig, klar und fachlich sein. Eine hilfreiche Website, ein guter Artikel oder ein ehrliches Gespräch können stärker wirken als tägliche Präsenz ohne Richtung.

 

Ich behandle Erfahrung als Kapital

 

Viele Dinge, die uns leichtfallen, erscheinen uns nicht besonders. Wir vergessen, wie viele Jahre, Entscheidungen und Fehler darin stecken. Gerade Frauen spielen ihr Wissen oft herunter, weil es für sie selbstverständlich geworden ist.

 

Heute schaue ich genauer hin: Welche Abkürzung kann meine Erfahrung für eine andere Frau sein? Welche Entscheidung kann sie mit meiner Hilfe klarer treffen? Daraus entsteht ein Angebot, das nicht auf Lautstärke, sondern auf echter Substanz beruht.

 

Was ich meinem jüngeren beruflichen Ich sagen würde

 

Du musst nicht den richtigen Lebensplan für die nächsten dreißig Jahre kennen.

 

Du darfst eine vernünftige Entscheidung treffen und später feststellen, dass sie nicht mehr zu dir passt. Du darfst erfolgreich sein und trotzdem neu wählen. Du darfst nach einem Verlust langsam werden. Und du darfst mit 40, 50 oder später noch einmal anfangen.

 

Vor allem würde ich sagen: Warte nicht darauf, dass jemand anderes dir die Erlaubnis gibt, deinen eigenen Weg ernst zu nehmen.

 

Beruflicher Erfolg bedeutet für mich heute nicht, dass alles nach Plan läuft. Erfolg bedeutet, nach einer Veränderung wieder handlungsfähig zu werden. Die eigene Erfahrung nicht gegen sich zu verwenden, sondern mit ihr weiterzugehen. Und ein Berufsleben aufzubauen, das nicht nur von außen gut aussieht, sondern sich auch von innen stimmig anfühlt.

 

Meine Umwege waren keine Gegenbeweise. Sie waren mein Berufsleben.

 

Über die Gastautorin

 

Anja Krüger ist Unternehmerin, Mentorin und Gründerin von Erfolgsladys. Seit mehr als 35 Jahren baut sie Unternehmen auf und begleitet heute vor allem erfahrene Frauen dabei, aus Wissen und Lebensleistung ein klares Angebot sowie einen ruhigen Weg zu passenden Anfragen zu entwickeln.